Jörg Benner, Geschäftsführer des Deutschen Frisbeesport-Verbands, hat anlässlich der 35-Jahrfeier des DFV am 8.11.2025 in Bensheim eine Rede gehalten. Der gesamte Wortlaut ist hier nachzulesen.
Bei der Eingrenzung des Themas verzichtete ich darauf
- über die unterschiedliche Sichtweise auf den Spirit of the Game zu sprechen – ob der Spirit eher etwas Unfassbares ist oder doch eine ganz handfeste Verhaltensvorgabe? –
- mich über die Unterschiede der Verwendung des Spirit-Begriffs in den verschiedenen Frisbeesportarten zu auszulassen –
- die Schwierigkeiten zu thematisieren, den Spirit of the Game in den verschiedenen Frisbeesportarten flächendeckend ins Training zu integrieren –
- oder einfach aus meinem Buch „Schwebeträume“ zur Geschichte des Frisbeesports mit Schwerpunkt auf Deutschland zu zitieren.

Toleranz gegenüber Veränderungen
Stattdessen ging es um die Toleranz gegenüber Veränderungen, die auch der DFV in seiner bislang 35-jährigen Geschichte beweist. Waren früher mit dem Frisbeesport eher Nonkonformismus und Organisationsferne verbunden, so hat der DFV nun den Schritt genommen, als 102. Organisation Mitglied im hohen Haus des Deutschen Olympischen Sportbunds zu werden.
Interessanterweise besagt auch ein Teil des Spirit of the Games, wie er schon 1744 im schottischen Hochland im Golfsport eingeführt wurde: Einerseits sind diese Regeln von den Altvorderen überliefert und müssen geschützt werden, andererseits sind sie aber auch nicht in Stein gemeißelt, das heißt, es gibt immer wieder auch nötige Änderungen daran vorzunehmen.
Insofern besteht ein Teil des Spirits nicht nur in der Toleranz der anderen Meinung, sondern auch in der Toleranz dessen, dass Regeländerungen notwendig werden könnten.
Auch der Weltverband WFDF aktualisiert alle vier Jahre die Ultimate-Regeln. 2021, vor gut vier Jahren wurden auch im Regelabschnitt 1 zum Spirit of the Game mehrere Regeländerungen vorgenommen. So gab es die Erweiterung des Punktes 1.2 „Wir gehen davon aus, dass niemand absichtlich die Regeln verletzt.“ 1.2.1 räumt erstmals die mögliche Existenz schwarzer Schafe ein und bietet die Lösung eines solchen Vorfalls unter Hinzuziehung der Captains beider Teams. Auch wurde die Bestimmung eines oder einer Spirit-Captains pro Team verpflichtend. Weitere Unterpunkte im Regelabsatz 1 wurden neu bestimmt.

Nachdem es der DFV nun geschafft hat als offizieller Sportverband in Deutschland anerkannt zu werden, mit insgesamt mehr als 10.000 registrierten Mitgliedern bundesweit, mit acht Landesverbänden Frisbeesport, die auch als Mitglieder ihres jeweiligen Landessportbunds aufgenommen wurden, und mit sehr viel Geduld – bleibt die Frage:
Was hat die Aufnahme in den DOSB
und zugleich die Aufnahme der DFV-Jugend
in die Deutsche Sportjugend dsj mit dem Spirit zu tun?
Der 1. Punkt ergab sich, als der DFV noch ohne Mitglied zu sein 2024 an der DOSB-Vielfaltstour teilnehmen durfte. Alle Kinder einer Klassenstufe einer Schule an den zehn Standorten der Fußball-EM der Männer führten Workshops und Turniere in vier Sportarten durch. Dabei wurden für alle Kinder jeweils Murmeln entsprechend den Platzierungen in den Sportarten vergeben – aber eben auch entsprechend den Platzierungen bei der Spirit of the Game-Bewertung. In diesem Rahmen ist auch ein 4 Folien-Dokument entstanden, das in den Sport Ultimate samt Erläuterung des Spirit of the Game und der gegenseitigen Fairplay-Bewertung einführt.
Die 2. Anknüpfung entsteht durch die erwartete Anerkennung der DFV-Ausbildungsordnung, die hoffentlich in Kürze erfolgt, sodass DFV-lizenzierte Trainer*innen dann endlich offiziell eine C-Lizenz erwerben. Der rote Faden der DFV-Ausbildung ist, zusammen mit dem Sinn im Sport-Konzept, der Spirit of the Game. Und nun fordert der DOSB ein „Kompetenzmodell“ in der Ausbildung ein, nach dem in der C-Lizenz mehr praktische „Anforderungssituationen“ im Mittelpunkt stehen sollen.Ich freue mich darauf, denn genau diese Kompetenzen vermitteln wir in unseren Sportarten durch den Spirit of the Game: Die Kompetenz der Regelkenntnis und -anwendung, die Kompetenz der gewaltfreien und respektvollen Kommunikation, diejenige der gelebten Freude und des sportlichen Miteinanders, sowie die Kompetenz des Perspektivwechsels, des sich in andere Hineinversetzens, gar Empathie.
Der 3. Punkt steht im Zusammenhang mit der voraussichtlichen Leistungssportförderung des DFV durch DOSB und BMI. Denn gerade an der Leistungsspitze möchten wir eigenverantwortliche und faire Athlet*innen, die als Role Models auf die Jugend und den gesamten Breitensport wirken. Das Bewusstsein über die Kompetenzen kann zu mentaler Stärke führen, es führt aber auch zum Einfordern der Partizipation, die wir uns von den Athlet*innen wünschen, sodass sie aktiv die Zukunft des Sports mitgestalten.
Die 4. und unmittelbarste Anknüpfung bietet sich im Bereich der dsj, die die größte deutsche Jugendorganisation ist. Bei allen von ihr geförderten Projekten geht es primär um Bildung, mit dem Mittel des Sports. Und das Mittel des Frisbeesports ist in der Tat ein sehr geeignetes, um Bildung zu transportieren. Gegenseitiger Respekt kann hier im Mittelpunkt stehen, das Erlebnis der Bereicherung durch Vielfalt, das Erlernen respektvoller Kommunikation, die Vermittlung von Freude, psychischer und physischer Gesundheit, oder auch Engagementförderung oder die Förderung von Demokratiebewusstsein. Der Spirit of the Game ist ein Türöffner für wertebasierte Kinder- und Jugendarbeit. Dies kann sowohl sportartspezifisch als auch frisbeesportartübergreifend stattfinden.
5. und letztens sind insgesamt die Chancen einer stetig besseren Vernetzung gewachsen, infolge der Aufnahme des DFV in den DOSB. Diese ermöglicht viele Partnerschaften, um verschiedene Zielgruppen in der Gesellschaft anzusprechen, und auch, um organisch weiterzuwachsen, unter der Prämisse, dass Frisbeesport in seinen unterschiedlichen Ausprägungen per se ein „Sport für alle“ ist. Eine gelebte Sport für alle-Exzellenz zeichnet sich dadurch aus, dass Sportarten in der Lage sind, für verschiedene Anforderungen die Regeln anzupassen. Wir können Ultimate Frisbee auch locker vier gegen vier spielen, wenn entweder die Community nicht mehr hergibt, oder wenn etwa die Anzahl der Nationalspielenden im olympischen Kontext nicht mehr Spieler*innen pro Nationalteam erlaubt.
Im Übrigen steht auch die Ausrichtung des Verbands an Good Governance-Prinzipien in vollem Einklang mit dem Spirit of the Game, mit Grundsätzen, die sich Demokratie, Inklusion, Vielfalt, Toleranz und dem Schutz vor Gewalt verschreiben.

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