Fairplay im Alltag 11-2017 – Verzerrende Darstellung

Im Grunde ist jede Darstellung der Wirklichkeit verzerrend, da durch einen bestimmten Kopf gefiltert. Die Erkenntnis, dass es die EINE Wirklichkeit nicht gibt, jedenfalls nicht im alltäglichen Miteinander, hilft unter Umständen Verständnis für andere Sichtweisen aufzubringen. Anlass dieses Eintrags ist die Verwendung einer alternativen Weltkarte in Boston.

An immerhin 125 Schulen in der US-amerikanischen Stadt werden anstelle der meist verwendeten Weltkarten von Gerhard Mercator nun solche nach Arno Peters verwendet. Die ersteren, vor etwa 450 Jahren entworfenen Karten stellen die Erde in einer guten Winkeltreue dar und waren für Seefahrer entworfen worden. Die zweiteren aus den 1970er Jahren stellen hingegen die Landmasse der Kontinente korrekt dar. Dies beschreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger.

Entscheidend dabei ist jedoch die Tatsache: „Wer Rundes flach macht, verzerrt“. Oder auch:

„Jede zweidimensionale Weltkarte muss zwangsläufig Kompromisse eingehen, ein Globus lässt sich nicht zwischen Buchseiten pressen.“

Selbiges passiert auch bei der Darstellung eines gemeinsamen Erlebnisses von verschiedenen Leuten. Denken wir an einen Bummel auf einer Einkaufsstraße. Wir nehmen immer schon gefiltert wahr: Die Eine achtet mehr auf Gesprächsfetzen, der Andere achtet mehr auf die Musik, die aus den Ladentüren dringt. Eine Dritte sieht sich vermehrt die Kleidung der Passanten an, während ein Vierter eher auf die Straßenschilder achtet.

Werden nun infolge eines Autounfalls alle Personen als zeugen gefragt, so will nicht nur jede und jeder etwas anderes wahrgenommen haben, sondern sie HABEN auch alle etwas anderes wahrgenommen. Ob es nun um Winkel- oder Flächentreue auf Weltkarten geht, oder ob es um die Bewertung einer vermeintlichen Straftat geht: Es erscheint hilfreich zu trennen zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung und meiner persönlichen Interpretation. Zudem ist es hilfreich, nicht jede Darstellung als etwas Unumstößliches zu betrachten.

Eine gute Übung dafür findet im Teamsport Ultimate Frisbee statt, der ohne externe Schiedsrichtende von den Spielenden selbst reguliert wird. Dazu besteht ein Streitschlichtungsverfahren und ein grundlegendes Fairplay-Prinzip im Regelparagrafen 1, benannt „Spirit of the Game“. Dazu gehört auch, in einer strittigen Situation kurz zu überdenken: War es sicher so, wie ich es wahrnahm, oder vielleicht auch so, wie meine Gegnerin oder mein Gegner es sah? Auch hier spielt die Fähigkeit eine große Rolle zu erkennen, dass unsere Wahrnehmung und die Interpretation derselben immer perspektivisch, gefiltert und, wenn wir wollen, immer schon verzerrt ist.

Die Möglichkeit des eigenen Irrens in Betracht zu ziehen, liegt im Ultimate in der Verantwortung der Spielenden, ebenso wie eine grundsätzliche Fairplay-Einstellung, die genau diesen Perspektivwechsel fordert. Dies sind zwei der fünf Bereiche, die ich in Fairplay-Workshops am Beispiel des Teamsports Ultimate Frisbee einübe. Bei Interesse an entsprechenden Vorträgen oder Seminaren kontaktieren Sie mich bitte.

22. März 2017 von JoergBenner
Kategorien: Mitarbeiter-Wissen, Verantwortung | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Schön dazu passt auch immer die „Cartographers for social equality“ zu Besuch im West Wing:

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