Streitschlichtung mit sozio-ökonomischem Nutzen – Reizwort

Streitschlichtung mit sozio-ökonomischem Nutzen

Der Organisations-Psychologe Jan Ziegler hat in einer Masterthesis untersucht, ob das konsensorientierte Konfliktmanagement in der Sportart Ultimate Frisbee Auswirkungen auf das spätere Sozialverhalten der Spielenden im Berufsleben hat. Die Antwort lautet eindeutig: Ja – auch, wenn die Arbeit nur einen ersten Einblick in das weite Forschungsfeld geben kann. Der Autor resümiert:

„Es kann interessant und vielversprechend erscheinen, die Übertragbarkeit des Ultimate-Systems der Konfliktlösung auf die betriebliche und gesellschaftliche Konfliktbewältigung weiter zu erforschen.“

Dazu zieht er das Ultimate-Spiel in Hinblick auf seine sozio-psychologisch interessanten Aspekte heran, die auf dem Spirit of the Game basieren. Dieser repräsentiert eine „allgemein wünschenswerte und angestrebte Normierung sozialen Verhaltens“.  Jan Ziegler leitet sogar her, dass die dem SotG zugrunde liegenden Werte und die daraus folgenden ‚Spielregeln‘ bzw. sozialen Leitplanken sich u.a. in der UN-Menschenrechtskonvention von 1948 wiederfinden:

„Der SotG entspringt somit international anerkannten Standards für ein existenzsicherndes Zusammenleben menschlicher Individuen und Gruppen auf allen Ebenen. Studien zum Ultimate-System sind daher als Teil der Feldforschung zur Realisierung allgemein anerkannter Werte begreifbar, und können Strategien und Forschungen auch in anderen Bereichen der Konfliktbewältigung bereichern.“

In der rund 130 Seiten umfassenden Masterthesis (plus rund 100 Seiten Transkription sechs problemzentrierter Interviews) werden verschiedene Modelle zur Bewältigung von Konflikten sowie Charakteristika von Konflikten und von Führungsstilen in Betrieben vorgestellt, ehe eine Darstellung von Ultimate und der Konfliktlösung gemäß dem Spirit of the Game folgt. Den Hauptteil der Arbeit machen sechs Interviews aus, deren Methodik und Ergebnisse ihrer qualitativen Analyse anschließend präsentiert werden.

Dabei interviewt der Autor sechs Ultimate-Spielende aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit mindestens drei Jahren Spielerfahrung. Das Prinzip problemzentrierter Interviews nach Witzel ist, dass die Befragung zwar einem Leitfaden folgt, aber offen (und somit halbstandardisiert) ist, und dass die Befragten selbst die Schwerpunkte setzen, indem frei geschilderte Konfliktfälle rekonstruiert werden. Insofern bilden die Zusammenfassungen der sechs anonymisierten Interviews nach Mayring unter 5.1.2 (S. 59-87) das Herzstück der Arbeit.

Als zentrale Erkenntnisse nach seiner Auswertung nennt Jan Ziegler

  • die grundsätzliche Nutzbarkeit des Konfliktlösungssystems im Ultimate im beruflichen Alltag,
  • die Trainierbarkeit der eigenständigen, konsensualen Konfliktbewältigung und
  • einen möglichen, daraus resultierenden sozio-ökonomischen Nutzen für Betriebe

Dieser Nutzen könne insbesondere dann eintreten, wenn das Implementieren des Ultimate-Systems gezielt erfolgt und in der Folge Ressourcen eingespart werden. Zwar ließen sich die betrieblichen Strukturen in der Arbeitswelt aufgrund ihrer höheren Komplexität nicht mit dem standardisierten Regelwerk des Ultimate Sport abbilden.

Doch die Konfliktbewältigung im Ultimate beruhe sehr stark auf einer inneren Haltung der Fairness, die durch die Ausübung von Ultimate trainiert werde und ein großes Potenzial zur einvernehmlichen Konfliktlösung in Betrieben beherberge. Allerdings erfordere die erfolgreiche Übertragung der Prinzipien des Spirit of the Game in die Berufswelt eine individuelle Adaption an das jeweilige Unternehmen und seine Entscheidungsstrukturen.

Jan Ziegler (Jahrgang 1990) hat zunächst ein kombiniertes Bachelorstudium in Soziologie und Psychologie und dann ein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen. Mit der vorliegenden Arbeit hat er am Zentrum für Management im Gesundheitswesen an der Donau-Universität Krems einen zusätzlichen Masterabschluss im Fach Wirtschafts- und Organisationspsychologie gemacht. Er spielte 13 Jahre lang Fußball und betrieb weitere Sportarten wettkampfmäßig in Vereinen: Mountain-Bike-Rennen (drei Jahre), Tennis (vier Jahre) und Thai-Boxen (zwei Jahre). Seit 2011 spielt er Ultimate im Verein, auch international, u.a. im Rahmen eines einjährigen Studienaufenthalts in Schweden, und arbeitet seit 2013 auch als Ultimate-Trainer.

Jan Ziegler: Konfliktmanagement im Beruf am Beispiel der Sportart Ultimate Frisbee – Masterthesis im Lehrgang Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Donau-Universität Krems, Juli 2018, 235 Seiten, hinterlegt auf der Literaturseite des Deutschen Frisbeesport-Verbands.

17. Juli 2018 von JoergBenner
Kategorien: Mitarbeiter-Wissen, Verantwortung | 1 Kommentar

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