Zeit sich Zeit zu nehmen

Der Jahreswechsel bringt den Wunsch nach Entspannung mit sich, der schnell wieder in Vergessenheit gerät

Kaum ist es Mitte Januar geworden, und der Alltag hat Sie schon wieder im Griff? Vielen geht es so, die sich über die Feiertage erholen wollten, und die das Neue Jahr mit dem guten Vorsatz begannen, sich weniger stressen zu lassen. Tipps für eine bewusste und entspannte Gestaltung des Alltags.

Karlheinz Geißler, seines Zeichens Wissenschaftler und Zeitberater, hat zum Thema das Buch das Buch geschrieben „Time is honey“. Während die Lebenserwartung steigt und viele Dinge immer schneller möglich sind (vom Recherchieren über das Einkaufen bis hin zum globalen Transport), gewinnen wir dabei jedoch keine Zeitoasen, sondern beschleunigen unseren eigenen Takt immer weiter. Die Zeitvorstellung als süßer Honig stellt einen sympathischen Ersatz dar für diejenige von Zeit als hartes (und hart verdientes) Geld.

Die Absicht von Geißlers Buch ist, den Weg zu „besseren Zeiten“ aufzuzeigen, kann als Anleitung zur Entschleunigung, zur bewussteren Priorisierung (Achtsamkeit) und auch zum Seinlassen aufgefasst werden. Dazu werden das vorherrschende Zeitmanagement sowie aktuelle kulturelle und wissenschaftliche Konzepte kritisiert. Daneben stehen einige praktische Ratschläge.

Das erste Stichwort ist bereits gefallen: Zeitoasen könnten bedeuten, sich „Zeit für die Zeit“ zu geben in einer möglichst ungestörten Atmosphäre. Dadurch kann es gelingen, seine eigene Zeitvorstellung zu überdenken, vielleicht sogar zu revidieren. Das Tragen einer Uhr erzeugt nach Geißlers Ansicht einen Zeitdruck und damit Zeitmangel. Ohne Blick aufs Ziffernblatt oder auf die Zeitanzeigen von Smartphone und Computer verbessere sich das eigene Zeitgefühl, behauptet er.

Eine weitere Idee ist, in Einklang mit der Natur zu leben, was die traditionelle chinesische Medizin ebenso fordert wie etwa Martin Heidegger. Dieser schrieb bereits von „Zeitjägern“ und bezeichnete das „unerbittliche Verlangen“ der „leeren Zeit“ danach, sinnvoll genutzt zu werden, als „uneigentliche Zeitlichkeit“. Sicherlich gibt es jedoch unterschiedliche Typen der Zeitnutzung, So sprechen wir von Lerchen (die früh schlafen gehen und früh aufstehen) und von Eulen (die spät schlafen gehen und spät aufstehen).

Nach Karlheinz Geißler können gewisse Rituale dabei helfen beginnend mit dem Aufstehen dem Alltag eine verlässliche Zeitstruktur zu verleihen (Trinken, Essen, Musik, die Tageszeitung, etc.). Sein Tipp ist den Tag „wie einen Emmentaler Käse“ zu planen: mit festen Ritualen und Terminen, jedoch durchsetzt von einigen Löchern, in denen wir die Zeit auf uns zukommen lassen. Dabei spricht er von so genannten Zwischenzeiten, etwa den Arbeitsweg oder die Kaffeepause, die dazu geeignet sind, sich auf die nachfolgenden Pläne und Tätigkeiten einzustellen. Insbesondere betont er die Wichtigkeit von Pausen, um sich zu orientieren und zu regenerieren.

Anstelle der To Do-Liste setzt er die Let it be-Liste und als Musiktipp empfiehlt er Simon & Garfunkel: Feelin‘ Groovy: „Slow down, you move too fast“. Raum für Überraschendes zu lassen, eröffne erst die Chance auf Erlebnisse und Erfahrungen, die sich nicht gezielt herbeiführen ließen, sagt Geißler.

„Es ist ihre Unplanbarkeit, die ihre Attraktivität ausmacht. Das gilt für die Liebe, und das gilt auch für die Muße und die Stunden des Selbst- und Weltvergessens.“

Karlheinz A. Geißler, Jonas Geißler: „Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit“. Oekom-Verlag, München 2017, kostet als Taschenbuch 15 Euro.

09. Januar 2018 von JoergBenner
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